Eigentümliche Animation bei Urusei Yatsura

Bloged in Anime,Musik by Ataru Friday September 18, 2009

In den letzten Monaten schaue ich wieder vermehrt Urusei Yatsura -- über die vielen Jahre hinweg gesehen wohl meine grosse Lieblingsserie. Bei Folge 149 bin ich auf eine 25-sekündige Sequenz gestossen, die mich zum Nachdenken gebracht hat. Nicht etwa, weil in dieser Einstellung einige Mädchen beim Umziehen zu sehen sind, sondern weil die kurze Sequenz mit Liebe zu kleinen Details animiert wurde und dadurch viel Bewegtes zu sehen ist. Dass ausgerechnet bei einer solchen Einstellung ein Animator sich etwas mehr ins Zeug gelegt hat als auch schon, sagt schon etwas über die Fetischvorlieben dieser Person aus. Oder auch über die meinen. Wobei nein, ich schaue hier nur auf die Animation. Ich schwörs!

Was hier zuerst ins Auge sticht, ist, dass für die Animation mindestens drei bis vier unterschiedliche Ebenen gebraucht wurden, also mindestens 3-4 verschiedene Cels, in denen die Figuren jeweils unabhängig voneinander animiert wurden. Das ist für damalige TV-Verhältnisse eher selten gewesen, aber auch bei späteren TV-Serien sind solche Multi-Cels Szenen rar. Der Hauptgrund ist natürlich der zusätzliche Aufwand, der hier anfällt. Ein anderer Grund ist aber auch, dass die Hintergründe wegen den mehreren übereinander gelagerten Cels Gefahr laufen, zu dunkel zu geraten.

Mir gefällt in dieser Sequenz, wie scheinbar überflüssige Details aus Liebe zu diesen vom zuständigen Animator extra mit eingebaut wurden. So streicht etwa Shinobu sich durch die Haare, nachdem sie ihr T-Shirt angezogen hat (7:45). Überhaupt ist Shinobu in dieser Einstellung wirklich detailreich animiert, wie sie sich umzieht. Die Animation selber ist nicht wirklich besonders flüssig geraten oder von den restlichen Szenen dieser Folge abgehoben, sie ist aber sauber geraten und das, wie gesagt, gleich auf mehreren Ebenen.

Diese eine kurze Sequenz erinnert mich auch an eine Einstellung aus Urusei Yatsura -- Beautiful Dreamer, den zweiten Film von UY. Hier sitzen alle Figuren bei den Moroboshis zu Tisch und füllen sich den Bauch voll (ein Zeichen, dass der Film von Mamoru Oshii ist: In seinen Serien und Filmen sieht man immer mindestens eine Szene, wo die Figuren beim Essen sind). Shinobu wird wütend, weil ihr alle zu laut sind.

Diese längere Sequenz ist mir schon vor Jahren aufgefallen, einfach weil sie grundsätzlich einmal toll animiert ist. Auch hier bewegen sich fast alle Figuren unabhängig voneinander auf mehreren Cels. Zusammen mit dem Durcheinander beim Dialog wirkt die Szene recht natürlich. Es sieht so aus, als ob bei dieser Stelle zuerst die Stimmen der Synchronsprecher aufgenommen wurden, und erst dann im Anschluss diese Sequenz, in etwa analog zu den verschiedenen Stimmen, animiert wurde.

Ich bin mir sicher, dass Moriyama Yuuji (Project A-Ko, Agent Aika…) für diese Sequenz verantwortlich war. Dafür spricht die Art und Weise, wie die Figuren aussehen und animiert sind: Sie neigen dazu, recht schräge Grimassen zu schneiden, ihre Mäuler weit aufzureissen und Zähne zu zeigen (siehe Shinobu in 5:19). Diese Art von Squash & Stretch-Animationstechnik ist ein stillistisches Markenzeichen von Moriyama, das man auch bei den TV-Folgen beobachten kann, wo er den Posten des Chief Key Animator innehatte oder für einige Genga (Key Animation)-Sequenzen verantwortlich war.

Moriyamas Animationen in Urusei Yatsura sind qualitativ für TV-Verhältnisse hochwertig, aber nicht wirklich auffällig. Sie fügen sich recht gut in die anderen Szenen der restlichen Animatoren ein. Es gibt in der TV-Serie und den Filmen von Urusei Yatsura jedoch ganz bestimmte Szenen, die eine sehr eigentümliche Animation haben. Wenn ihr Szenen seht, wo Figuren plötzlich stellenweise mit übertrieben Proportionen gezeichnet sind oder wo sie oft mit den Armen nach oben dynamisch herumrennen, dann stehen die Chancen gut, dass ihr mit der Arbeit von Yamashita Masahito in Berührung gekommen seid.

Yamashita Masahito (山下将仁) ist ein Schüler des kürzlich verstorbenen Meister-Animator Kanada Yoshinori und einer der wichtigsten Animatoren der Achtzigerjahre. Sein dynamischer Stil ist unverkennbar und interessant zugleich. Die folgenden drei Minuten sind ein gutes Beispiel dafür, wie Yamashita mit einfachen Tricks für Geschwindigkeit und bizarre Dynamik sorgt.

Abgesehen von der langen und brillanten Sequenz aus der Sicht des rennenden Ataru (eine Szene, für die Yamashita ziemlich bekannt worden ist) mit den vielen Blickfängen, möchte ich hier zuerst auf eine Szene am Anfang hinweisen. Der durchgeknallte Mönch Cherry ist mit feinen Stellen durchzogen, bei denen man auf die hintere Ebene sehen kann (5:45). Diese Lücken in Cherry sind ein optischer Trick, um dynamische Geschwindigkeit zu erzeugen, ähnlich wie Speedlines inMangas.

Ein weiteres Markenzeichen von Yamashita ist, dass die Figuren bei ihm selten ruhig und konstant im Bild stehen bleiben, sondern dass sie grösser oder kleiner werden, so als ob die Kamera sich ihnen nähern oder entfernen würde. Ein gutes Beispiel seht ihr gleich zu Beginn beim fliegenden Ten-chan oder auch beim seitlich rennenden Ataru in 6:48-6:50. Noch ein weiteres Merkmal ist, wie bereits geschrieben, die verrückte Art und Weise, wie er herumrennende Figuren animiert. Bei ihm reissen sie meist ihre Arme angewinkelt in die Höhe, und die Proportionen des Körpers wirken oft verzerrt (achtet dabei mal auf die Grossaufnahme von Atarus Beinen). Das alles wirkt so eigenartig bizarr, dass es wiederum lustig ist.

Hier noch ein weiteres Beispiel von der Kunst Yamashitas. Nur die erste Minute ist hier relevant.

Yamashitas Art und Weise zu animieren ist dermassen eigentümlich, dass sie zwangsweise etwas aus dem Rahmen fällt. Leider scheuen Produzenten heutzutage davor, solche auffälligen Animationsszenen in TV-Serien einzubauen; schon schlicht einmal deshalb, weil heutige Animefans solche Sequenzen meist als schlecht animiert empfinden und lieber einen aalglatten und unauffälligen Stil bevorzugen; einen Stil, der nicht vom Restlichen ablenkt (man erinnere sich nur schon an den Aufruhr wegen Folge 4 von Gurren Lagann oder wegen der einen Kampfszene in Birdy the Mighty Decode Episode 7). Doch damals neigte man auch in Mainstream TV-Serien dazu, der Arbeit talentierter Animatoren gegenüber aufgeschlossen zu sein. Mamoru Oshii zollte Yamashita in Beautiful Dreamer insofern Respekt, als dass er diesem gleich die Animation der ganze Spukszene in der Schule überlassen hat (bis und mit 07:25). Ohne Yamashitas Talent wären die folgenden Minuten niemals so wirkungsvoll geraten, wie sie es nun sind. Hier fällt auch auf, wie Yamashita Schatten- und Lichteffekte animiert. Er bevorzugt für das Licht und die Schatten stark quadratische und zergliederte Formen. Bei ihm spielt als Spiel der Formen eine noch grössere Rolle als möglichst lebensnaher Realismus. Dadurch zieht er die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf seine Arbeit, was bei sonstigen Effekten weniger der Fall ist.

Zum Abschluss ein paar Szenen, die nicht durch gute Animationen oder Formenspiele glänzen, sondern einfach nur lustig oder auch psycho sind. Lum trainiert, um auf natürliche Art und Weise einen übermächtigen Gegner in einem Duell schlagen zu können. Und im zweiten Ausschnitt realisiert Lum mit Horror, dass sie sich noch immer in einer Parallelwelt befindet, weil ihr Darling darin der perfekte Lover ist (eine Folge mit Moriyama Yuuji als Chief Key Animator).

Das erinnert mich daran, dass Lum und die anderen Figuren im Verlauf der Serie nach und nach realistischer portraitiert wurden, insbesondere Lum: War sie am Anfang noch ein aggressives Huhn aus dem All, die an Ataru wie eine Klette hing -- halt eine eindimensionale Comedy-Figur-, so änderte sich ihr Charakter in den ersten zwanzig Folgen zunächst einmal radikal. Sie wurde zunehmend lieblich dargestellt, wurde in die selbe Klasse wie Ataru eingemustert, und in späteren Folgen erhalten wird auch ruhige und bittersüsse Szenen, in denen wir einen tieferen Einblick in ihre Seele erhaschen können. Sie ist eine (fliegende) Fantasyfigur, die zunehmend aus den Lüften auf den Boden der Realität gezogen wurde -- Oshii sei dank.

One Response to “Eigentümliche Animation bei Urusei Yatsura”

  1. Stu says:

    Sehr guter Beitrag, vielen Dank!

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