Urusei Yatsura-Watching

Bloged in Anime,Fandom by Ataru Sunday October 12, 2008

Dieses Wochenende war ich an einem kleinen Treffen in Neuhausen in der Nähe von Schaffhausen, zum Schauen eines bekannten Anime-Klassikers in der kleinen Runde: Urusei Yatsura. Organisiert hat das Treffen einer meiner Kumpels, der sich zu einem grossen Fan der Serie gemausert hat, und eine weitere freundliche Person hat uns ihre Wohnung und AV-Ausrüstung zu Verfügung gestellt. Das Resultat war ein gemütliches Treffen unter Gleichgesinnten mit dem Ziel, diese ältere Serie kennenzulernen, von der ich seit bald zwanzig Jahren Fan bin.

Urusei Yatsura ist schon über 25 Jahre alt, sieht definitiv anders aus als heutige Animes und geht auch anders mit seinen Zuschauern um. Daher ist es keine einfache Sache, die Serie und die Kinofilme einem interessierten Publikum näherzubringen, das vornehmlich neuere Animes kennt. Kommt noch hinzu, dass die Serie (196 Folgen, 1981-86) auf dem ersten Blick eine oberflächliche Slapstick-Komödie zu sein scheint und somit nur einem einzigen Genre zugehörig. Die Serie geht jedoch im Lauf der verschiedenen Staffeln verschiedene Experimente ein und macht seine Zuschauer mehr und mehr zu einem Kennerpublikum, das einen Genremix zu goutieren beginnt, wie er so im gleichnamigen Manga von Rumiko Takahashi (Ranma 1/2, Maison Ikkoku, Inu Yasha) nicht vorkommt. Urusei Yatsura hat Masstäbe in verschiedenen Bereichen gesetzt, und moderne Comedyserien greifen auch heute noch auf Ideen zurück, die ihre Ursprünge in UY haben.

Die ersten 20+ Folgen bestehen noch aus zwei einfachen Kurzgeschichten zu je zehn Minuten, die der Mangavorlage noch treu folgen. Die Character Designs dieser Folgen wirken noch etwas cartoonhaft und kindlich, so als ob es sich um eine Kinderserie fürs Nachmittagprogramm handeln würde. Weiter fällt auf, dass die Hauptfiguren Lum, Shinobu, Mendou und allen voran Ataru Moroboshi noch nicht ausgereift sind; sie folgen gewissen Archetypen (ein vom Pech verfolgter Loser, eine eifersüchtige extraterrestrische Freundin, eine jähzörnige Klassenkameradin, ein reicher eingebildeter Schnösel…), aber ihr Zusammenspiel lässt noch zu Wünschen übrig. Kurz gesagt, der Tiefgang der Figuren und die “Chemie” zwischen ihnen ist noch zu wenig ausgereift, als dass sich längere und interessante Geschichten erzählen liessen. Aus diesem Grund werden in diesen Folgen vermehrt Nebenfiguren eingeführt wie schrullige Aliens, die Chaos mit sich bringen und womit sich die Handlung gut füllen lässt. Eine leichte Brise Erotik hier und da (siehe die unteren Bilder) erinnert jedoch daran, dass wir es hier nicht mit einer reinen Kinderserie zu tun haben.


Um die Folgen 25-30 herum begannen die Macher, allen voran Regisseur Mamoru Oshii (Angel’s Egg, Patlabor, Ghost in the Shell), Szenarist Kazunori Itoh und Kazuo Yamazaki, mit den Figuren und deren Potential zu experimentieren und Geschichten zu erzählen, die im Manga nicht vorkommen. Lum, die grünhaarige temperamentvolle Ausserirdische im Tigerbikini, wird merklich weniger aggressiv als noch zu Beginn der Serie; sie geht mit den anderen Figuren auch zur Schule und lebt ihr Leben dann beinahe wie es die Erdenbewohner tun. Der ständige Pechvogel Ataru, in den Lum mächtig verliebt ist, mausert sich wiederum zu einem meisterhaften Opportunisten mit leicht masochistischen Zügen. Jede der Figuren erhält im Grunde genommen mehr Tiefgang. Das Zusammenspiel beginnt zu wirken und die dem Anime eigenen Handlungen beginnen ein faszinierendes Eigenleben. Die unterschiedlichen Charakteren werden zu einer festen Clique, an deren verrückten Abenteuer wir uns fast nicht sattsehen können.

Schon in diesem frühen Anime zeigt sich der Drang von Mamoru Oshii, Animefiguren auf den Boden der Realität zu stellen. Wir sehen die Figuren, wie später auch bei Patlabor, des öfteren beim Nudeln essen, beim TV-Schauen oder sonst bei alltäglichen Tätigkeiten, und das trotz des immensen Chaos, dem sie ausgesetzt sind. Das klingt jetzt nach nichts Besonderem, aber damals, zu Beginn der Achtzigerjahre, waren solche Animefiguren, die fast wie du und ich einfach ihrem natürlichen Leben nachgingen und sich in einer verrückten Fantasywelt zurechtfinden wollten, beinahe revolutionär. Hinzu kommt noch der bereits zuvor erwähnte Hang zum Experimentieren, der sich im neuartigen Zeichen- und Animationsstil zeigt und beim zunehmenden Genremix. In manchen Folgen ändert sich die Stimmung schlagartig. Überdrehte Comedy schlägt etwa von einer Minute zur anderen in schauerhaftem Horror um, oder in einer rührenden Szene, bei der man nur allzu gut sieht, wie der unverbesserliche Schürzenjäger Ataru in Tat und Wahrheit nur eine liebt: Lum.



Gewisse Folgen lehnen sich soweit aus dem Fenster, dass sie beinahe wie ein Metakommentar zum Anime selber wirken. Das zeigt sich insbesondere in Folge 77, “Miserable, a loving and roving mother!”, in der, völlig unerwartet, die Mutter von Ataru Moroboshi im Zentrum steht, eine ansonsten eher unwichtige Nebenfigur. Darin schildert sie ihr (langweiliges) Leben als Hausfrau und Mutter, die nur darauf wartet, dass ihr Sohn eines Tages mit Lum & Co. aus dem Haus zieht und sie in den verdienten Ruhestand gehen kann. Als sie eines Tages beim Kampf um den Ausverkauf des örtlichen Supermarkts ohnmächtig wird, wacht sie einige Stunden später wieder auf und stellt dann Zuhause erschrocken fest, dass sie ein Albtraum erlebt. Sie wacht erschrocken auf und ist wieder in der Realität; oder doch nicht? Bald stellt sich die Frage, was ist Realität und was ist Traum? Die Sache nimmt existenzielle Züge an: War das bisherige Leben auch nur eine Illusion?

Längst nicht jede Folge geht so weit wie Episode 77, wo Oshii seinen metaphysischen Fragen nach dem Verhältnis von Realität/Illusion nachgeht. Manche Handlungen sind wiederum sehr traditionell, wie die von Folge 75 “And then there were none”. Sie beginnt wie ein unheimlicher Thriller: Die bekannten Charaktere Lum, Ataru, Mendou, Shinobu und einige Weitere werden von einer unbekannten Person in einer abgeschiedenen Villa eingeladen; eine Figur nach der anderen kommt dann ums Leben, sprich, sie werden ermordet, so im Stil eines Romans von Agatha Christie. Selbst vor der quasi heiligen Hauptfigur Lum machen die Macher nicht halt (sie stirbt im Bad). Diese für die Serie ungewöhnlichen Umstände fordern aus den Figuren Reaktionen heraus, wie man sie sonst nirgends sieht. Natürlich hat die Sache einen Haken, aber so wie die Folge sich abspielt, ist sie für eine ganze Ladung Überraschungen gut.



Um wieder auf das Treffen zurückzukommen: Wir haben insgesamt zehn ausgewählte TV-Folgen aus den ersten 80 gezeigt und dann im Anschluss auch noch den zweiten Kinofilm, Beautiful Dreamer, Mamoru Oshiis Meisterwerk, mit dem ich mich in einem zukünftigen Posting näher auseinandersetzen werde. Es war also eine geballte Ladung an Urusei Yatsura, und, was mich als grosser Fan am meisten freut, es hat sich dabei niemand gelangweilt.

One response to “Urusei Yatsura-Watching”

  1. avatar Nayx says:

    So, endlich auf Episode 78 aufgeholt.

    Hab auch gleich nochmal kurz verglichen und ja, einen Unterschied zu den ersten 30 Folgen kann man schon feststellen. Die Serie gefällt mir aktuell auch schon viel besser, als es noch am Anfang war. Die von dir speziell erwähnten Folgen, 75 und 78 (dir ist da ein kleiner Fehler unterlaufen, die Folge mit der Mutter ist 78), sind aber schon fast zu gut für die Serie. Ich würde die beiden locker zu den besten einzelnen Episoden zählen, die ich außerhalb meiner Lieblingsserien gesehen habe. #75 war sehr spannend gemacht und man konnte mit den Charakteren mitfühlen; allein schon, weil sie selber so großartig rübergebracht wurden. #78 mit den ganzen Träumen und Realitäten war sogar eine ganze Ecke besser, wobei man sie nicht direkt vergleichen kann. Die Szenen zwischen Mutter und dem kleinen Mädchen haben mir besonders gefallen. Als ganzes betrachtet sind es zwar immer noch Folgen aus UY und knapp 30 Jahre alt, aber auf’s wichtigste beschränkt funktionieren sie auch heute noch.

    Beautiful Dreamer hab ich gerade auch fertig geschaut und ja, er ist wirklich mindestens genauso gut, wie ich es mir vorgestellt hatte. Man konnte auch schön Parallelen zu Mamoru Oshiis Ghost in the Shell 2 entdecken (kann aber auch sein, dass einiges schon im ersten Teil verwendet wurde). Ein großartiger Film, wenn hier ebenfalls gilt: Der Ursprung, bzw. die Ausrichtung der Originalserie zieht ihn runter. Mal schauen, vielleicht schreibe ich einen Kommentar dazu.

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