{"id":203,"date":"2009-02-15T21:02:23","date_gmt":"2009-02-15T20:02:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ani.donmai.ch\/?p=203"},"modified":"2009-02-16T22:48:18","modified_gmt":"2009-02-16T21:48:18","slug":"rezension-der-ausreisser-azuma-hideo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ani.donmai.ch\/?p=203","title":{"rendered":"Rezension: Der Ausreisser (Azuma Hideo)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/Azuma2.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>In letzter Zeit habe ich keine Eintr\u00e4ge mehr geschrieben. Schreibblockaden sind eine schlimme Sache. Wenn man bei einem Anime- und Manga-Blog schon rein f\u00fcr die Einleitungss\u00e4tze sich den Kopf dar\u00fcber zerbricht, ob man Irgendetwas Substanzielles zu berichten hat und immer h\u00e4ufiger zum Duden greift, dann stimmt etwas nicht.<!--more--> Wie oft habe ich jetzt schon einen Artikel zu schreiben begonnen, um  ihn dann letztendlich im Draft-Ordner vermosern zu lassen?  Zehnmal? Zwanzig Mal? Ich habs vergessen&#8230; Vielleicht sind meine Anspr\u00fcche zu hoch, vielleicht gehe ich falsch ans Schreiben ran.<\/p>\n<p>Damit ihr keine falschen Schl\u00fcsse zieht: Im heutigen Eintrag geht es weniger um meine seelisch-psychische Verfassung &#8211; so viel aufgedr\u00fcckte <em>Emo<\/em>tionalit\u00e4t will ich keinem Leser aufb\u00fcrden -, sondern um einen Manga-Zeichner, der in seinem Leben schon des \u00d6fteren mit Schreibblockaden gek\u00e4mpft hat: Azuma Hideo.<\/p>\n<p>Azuma Hideo, Jahrgang 1950, ist ein Mangazeichner, um den in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Japan ein regelrechter Kult entstanden ist. Seine Spezialit\u00e4t sind kurze, groteske Gag-Geschichten, die mit allerlei skurilen Einf\u00e4llen und Selbstironie durchsetzt sind. Sein Zeichenstil ist stark vom Funny-Stil von Osamu Tezuka und Sh\u00f4taro Ishinomori gepr\u00e4gt. Azuma hat ein Faible f\u00fcr Science Fiction und Fantasy-Geschichten, die in Nonsens m\u00fcnden. Und Azuma zeichnet gerne niedliche Lolitas. Er gilt als der eigentliche Begr\u00fcnder der <em>Rorikon (Lolita Complex)-<\/em>Manga-Welle, die in den Achtzigerjahren ihren Anfang genommen nahm und bis heute sowohl bei Mangas als auch bei Animes sp\u00fcrbar ist. Etwas spitz formuliert: Ohne Azuma Hideo kein <em>Lolicon<\/em> und kein <em>Moe <\/em>&#8211; jedenfalls nicht in der heutigen Form.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/azumahideo_coll2.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren schrieb ich einige Worte \u00fcber Azuma Hideo im Rahmen meiner Rezension zu seinem Manga <a href=\"http:\/\/www.donmai.ch\/Manga%20Reviews\/nanako\/nanako_sos.html\"><em>Nanako S.O.S<\/em><\/a>. Damals war ich noch im &#8220;Azuma&#8221;-Fieber und sammelte alles, was ich von diesem Autor ergattern konnte (siehe Foto weiter unten). Dabei fiel mir auf, dass viele seiner Kurzgeschichten bis in die Mitte der Achtzigerjahre publiziert wurden und einige seiner neueren B\u00e4nde wiederum aus der Mitte der Neunzigerjahre stammten. Ich fand es etwas eigenartig, dass in seiner Bibliographie eine L\u00fccke von fast einem Jahrzehnt klaffte und nahm an, dass er halt einfach untergetaucht war. Bei diesem Gedanken liess es bleiben. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass Azuma Hideo zu jenem Zeitpunkt tats\u00e4chlich sprichw\u00f6rtlich <em>untergetaucht<\/em> war: Er schmiss Ende 1989 all seine laufenden Auftr\u00e4ge hin und suchte das Weite.<\/p>\n<p>Von diesem Vorfall und einigen weiteren erz\u00e4hlt der einzige Manga von Azuma Hideo, der auf Deutsch erschienen ist: <em>Der Ausreisser<\/em> (Verlag Schreiber und Leser, 2007). <\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/derausreisser.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Der Ausreisser&#8221;, im Original <em>shiss? nikki<\/em> (????), Tagebuch eines Verschollenen &#8211; ist ein mehrfach preisgekr\u00f6nter autobiographischer Comic, den Azuma Hideo 2005 herausgebracht hat. Darin erz\u00e4hlt er selbstironisch von seiner Auszeit als Manga-Zeichner, als er als Penner tagt\u00e4glich vor sich hinlungerte. Azuma ertrug den Druck nicht, dem er als Zeichner permanent ausgesetzt war. Er schmiss gleich zweimal alles hin und tauchte f\u00fcr mehrere Monate unter, wo er als Obdachloser auf der Strasse lebte. 1992 arbeitete er eine Weile auf den Bau und liess sich dabei zum Gasinstallateur ausbilden. Azuma wurde beide Male von der Polizei wieder aufgegriffen; seine Familie hatte ihn als vermisst gemeldet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/derausreisser01.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Der Ausreisser&#8221; besteht aus vier Kapiteln, die von seinem Leben als Versager und Obdachloser erz\u00e4hlen, von seinen Schwierigkeiten w\u00e4hrend seiner zwanzigj\u00e4hrigen Karriere als Mangazeichner bis 1989, von seiner Arbeit als Gasinstallateur und schliesslich von seiner schleichenden Alkoholsucht, die ihn Ende 1998 zum Besuch einer Trinkerheilanstalt zwang. Azuma erz\u00e4hlt minuti\u00f6s, wie er im Park unter einer l\u00f6chrigen Decke pennt, im M\u00fcll nach brauchbaren Essensresten w\u00fchlt, von der Strasse Kippen aufliest und billiger Fusel zusammenmixt. Azuma erz\u00e4hlt, mit was f\u00fcr Menschen er es als Gasinstallateur und als Alkohols\u00fcchtiger in der Rehabilitation zu tun hat. Und er erz\u00e4hlt von seinem Werdegang als Mangazeichner, wo er 1969 mit 19 zun\u00e4chst unbek\u00fcmmert anf\u00e4ngt, bald aber von der harten Realit\u00e4t des Berufs eingeholt wird. Seine Anekdoten lassen erahnen, wie schwer es sein muss, st\u00e4ndig neue Geschichten und Gags zu erfinden, um am Ball zu bleiben. Und noch etwas kommt bei seiner Comic-Beichte zum Vorschein: Azuma Hideo zeichnete eine Weile lang sehr, sehr viel &#8211; er lieferte 130 Seiten pro Monat ab. Er konnte es sich nicht leisten, nein zu sagen und nahm auch Auftr\u00e4ge an, die ihn im Grunde genommen gar nicht interessierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/derausreisser02.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/derausreisser03.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es verst\u00e4ndlich, wieso Azuma 1989 dem Druck nicht mehr standhielt und das Weite suchte. &#8220;Der Ausreisser&#8221; ist jedoch keine objektive Aufarbeitung seines schweren Lebens, sondern eine weitgehend  in der subjektiven <em>Ich<\/em>-Form gehaltene Lebensbeichte. Was zum Beispiel Azumas Familie w\u00e4hrend der Zeit, als er auf der Strasse lebte, durchgemacht hat, wird radikal ausgeklammert. An einer Stelle heisst es dazu lapidar &#8220;Sie [die Polizei] nahmen meine Fingerabdr\u00fccke und belehrten mich. Meine Frau holte mich ab, und ich ging nach Haus. Das war nicht wirklich lustig, deshalb mache ich&#8217;s hier kurz.&#8221; <\/p>\n<p>Insgesamt reiht sich Azumas autobiographischer Comic in die Tradition des <em>Shish?setsu <\/em>ein<em>, <\/em>des japanischen <em>Ich-Romans<\/em>, bei dem das Schreiben eine Art Selbstentbl\u00f6ssungsritual f\u00fcr die Autoren ist. Wir Leser erleben hautnah, was Azuma damals so alles erlebt hat, und weil er lange Zeit fort von Zuhause war, kriegen wir auch keinen tieferen Einblick ins Leben seiner Familie.<br \/>\nEs gibt aber einen wichtigen Unterschied zum Shish?setsu<em>: <\/em>Anders als beim klassisch japanischen Ich-Roman dr\u00e4ngt Azuma Hideo seinen Lesern keinen im Selbstmitleid getr\u00e4nkten Ton auf. Seine selbstironischen Anekdoten, im Stil seiner klassischen Gag-Comics gezeichnet, sind einfach zu lesen, und das macht aus seinem Manga, trotz aller inhaltlicher H\u00e4rte* ein erstaunlich frischer Comic. Der Kauf lohnt sich allemal.<\/p>\n<p>* (Er schneidet unter anderem einen missgl\u00fcckten Selbstmordversuch an und seine schleichende Alkoholsucht bis zu seiner Einlieferung in die Reha ist eigentlich alles andere als lustig)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/derausreisser04.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"wp-images\/azumahideo_coll.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit habe ich keine Eintr\u00e4ge mehr geschrieben. Schreibblockaden sind eine schlimme Sache. 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