{"id":66,"date":"2007-08-11T00:20:19","date_gmt":"2007-08-10T23:20:19","guid":{"rendered":"http:\/\/ani.donmai.ch\/?p=66"},"modified":"2007-08-12T20:09:31","modified_gmt":"2007-08-12T19:09:31","slug":"liebe-sex-und-zwischendurch-kodomo-no-jikan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ani.donmai.ch\/?p=66","title":{"rendered":"Liebe, Sex und Zwischendurch (Kodomo no Jikan)"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_mini.jpg\" style=\"margin: 1em; float: left\" \/>Meine Damen und Herren, haltet euch fest: Heute erz\u00e4hle ich euch was Deftiges \u00fcber Liebe, die Kontrolle \u00fcber den K\u00f6rper von Jungfrauen und Sex. Das alles im Zusammenhang mit dem Skandalmanga <strong>Kodomo no Jikan<\/strong>, der in den letzten Monaten wegen seines Inhalts im Westen viel von sich reden machte und um den es mir eigentlich geht. Doch zuerst eine l\u00e4ngere Einf\u00fchrung in den Ausl\u00f6ser f\u00fcr den heutigen Beitrag:<\/p>\n<p align=\"left\"> <strong><font color=\"#ff0000\">[Achtung, folgende Bilder sind teils nicht worksafe!]<\/font><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><em>Kodomo no Jikan<\/em> ist ein erfolgreicher Comedy\/Drama-Manga, der seit 2005 in der Monatszeitschrift <a href=\"http:\/\/comichigh.jp\/\"><em>Comic HIGH!<\/em><\/a> erscheint, ein Magazin mit dem Untertitel \u201eGirlish Comics for Boys and Girls\u201c. \u201eKodomo no jikan\u201c heisst \u00fcbersetzt grob \u201eKinderzeit\u201c. Die Geschichte handelt von einem jungen unerfahrenen Klassenlehrer, der es mit drei speziellen Drittkl\u00e4sslerinnen zu tun kriegt.<!--more--> Eine davon, <em>Kokonoe Rin<\/em>, verliebt sich in den Lehrer und versucht alles, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie setzt daf\u00fcr oft ihre Sexualit\u00e4t ein, und hier liegt der Hauptgrund, wieso der Manga im Westen so kontrovers ist. Rollen wir diese Geschichte mal kurz auf. Es ist ein Drama in 3 Akten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_color.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">Nachdem Ende letztes Jahr bekannt wurde, dass der amerikanische Mangaverlag \u201eSeven Seas Entertainment\u201c die Rechte zu Kodomo no Jikan (von nun an \u201eKojika\u201c) gekauft hatte und den Manga unter dem Titel \u201eNymphet\u201c im umfangreichen Stil ver\u00f6ffentlichen wollte, wurde unter amerikanischen Mangafans Kritik laut. Der Manga sei was f\u00fcr P\u00e4dophile und v\u00f6llig inakzeptabel. Nicht Wenige bef\u00fcrchteten, dass der Manga in die falschen H\u00e4nde geraten k\u00f6nnte und dann ein schlechtes Bild auf Manga und Mangafans werfen w\u00fcrde \u2013 wenn nicht gar ein Verbot aller Manga nach sich ziehen w\u00fcrde. Zwei aus dem Kontext herausgerissene Seiten des Manga machten in diversen Diskussionsforen die Runde und f\u00fchrten dann dazu, dass der Manga in einer Rubrik des Anime News Service (kurz ANN) beil\u00e4ufig als einfaches Futter f\u00fcr Leser mit p\u00e4dophilen Neigungen abgestempelt wurde, was schliesslich zu einer wochenlangen Debatte f\u00fchrte.<\/p>\n<p align=\"left\">Das war der Tropfen, der das Fass zum \u00fcberlaufen brachte: Seven Seas Entertainment zog Kojika Ende Mai zur\u00fcck mit der Begr\u00fcndung, dass keiner der Zwischenh\u00e4ndler seine Finger an diesem Titel verbrennen wollte. Weil das nicht reichte, bezog der Hauptverleger pers\u00f6nlich zum Inhalt Stellung und sagte, der Inhalt sei f\u00fcr amerikanische Verh\u00e4ltnisse \u201eunangebracht\u201c (es wurde speziell auf Kapitel 19, S.21-23 verwiesen). Das, obwohl wenige Tage zuvor derselbe Verleger in der Kontroverse den Inhalt noch in Schutz genommen hatte.<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Was ist denn an Kojika auf den ersten Blick so schlimm? Nun, es kommt in praktisch jedem Kapitel mindestens ein schl\u00fcpfriger Gag vor, der sich um die Grundsch\u00fclerinnen dreht. Besonders heikel wird es dann, wenn Rin, die fr\u00fchreife 9-j\u00e4hrige Hauptfigur des Manga, ihren 23-j\u00e4hrigen Klassenlehrer <em>Aoki<\/em> mit Sticheleien \u00e4rgert: Sie klammert sich an ihm fest, zeigt ihm ihre Schl\u00fcpfer, versucht ihn, mit erotischen Posen aus dem Konzept zu bringen, macht sonst unmissverst\u00e4ndliche Andeutungen, usw. Drehen sich die schl\u00fcpfrigen Gags nicht gerade um die Beziehung zwischen Rin und Aoki-sensei, dann zwischen Rin und Mimi Usa, eine sch\u00fcchterne Freundin und Klassenkameradin, die f\u00fcr ihr Alter einen grossen Busen hat und deswegen von Rin neckisch begrabscht wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch27_20.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Der Inhalt gibt jedenfalls viel her, das auf den ersten Blick bedenklich wirkt. Die freiz\u00fcgigen Bilder verst\u00e4rken dies nur: Um Himmels Willen, 9-j\u00e4hrige M\u00e4dchen, die fetischisiert und sexualisiert werden?<span> <\/span>Spinnen denn die Japaner? Was soll das?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch20_04.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">So einfach ist das nicht. Dahinter steckt (viel) mehr. Zuerst will ich \u201eKojika\u201c<span> <\/span>ein st\u00fcckweit von den h\u00e4rtesten Anschuldigungen in Schutz nehmen, die dem Titel von westlichen Mangafans oberfl\u00e4chlich entgegengebracht wurden. Dann werde ich die Eskapaden von Rin in einem gr\u00f6sseren Kontext von Liebe, Sexualit\u00e4t und den tabuisierten K\u00f6rper von jungen Frauen in Japan stellen.<\/p>\n<p align=\"left\">Zuallererst m\u00fcssen wir uns drei Dingen bewusst machen, bevor wir uns an einem Manga wie Kodomo no Jikan n\u00e4hern sollten:<\/p>\n<p align=\"left\">1.) Comic HIGH! ist, trotz des \u00dcbertitels &#8220;Girlish Comics for Boys and Girls&#8221;, in erster Linie f\u00fcr m\u00e4nnliche Mangafans im Studentenalter gedacht. Es will mit Geschichten punkten, die einen speziellen \u201eSh\u00f4jomanga-Touch\u201c haben. Es sollen nicht etwa der Durchschnitts-Mangaleser angesprochen werden, sondern Otakus, denen Fan-Konzepte und Fetische wie \u201eyuri\u201c, <span><\/span>\u201etsundere\u201c (Harte Schale, weicher Kern), \u201elolicon\u201c (Lolita Complex) oder \u201emoe\u201c (ein Gef\u00fchl der Liebe und Begehrtheit, die man einer Figur instinktiv entgegenbringt) gel\u00e4ufig sind.<\/p>\n<p align=\"left\">2.) Der Autor, Watashiya Kaoru, ist eine Frau.<\/p>\n<p align=\"left\">3.) Kojika ist ein Comic. Er nimmt zwar Bezug zur Realit\u00e4t, bildet sie jedoch nicht genau ab, sondern verzerrt sie.<\/p>\n<p align=\"left\">4.) Manga sind Comics, die von Japaner f\u00fcr Japaner gedacht sind, nicht f\u00fcr uns. Das mag einleuchten, doch das vergessen Fans im Westen immer wieder. Mangas stammen aus einer anderen Kultur und nehmen Bezug auf diese Kultur, ob als kritische Hinterfragung, oder Satire, Parodie, usw. Was dem abendl\u00e4ndischen Leser mit seiner christlichen Wurzeln eigenartig bis abartig erscheint, muss f\u00fcr den japanischen Leser mit seiner buddhistischen\/konfuzianischeen Pr\u00e4gung und shintoistischen Wurzeln noch lange nicht sein. Gerade in Sachen Liebe und Sex unterscheidet sich Japan als andere, nichtwestliche Moderne merklich vom Westen. Dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Aus Punkt 1 folgt, dass sich das Magazin zwar an m\u00e4nnliche Fans richtet, die sich an Gag- und Alltagsgeschichten mit niedlichen Frauenfiguren erfreuen, um gar keinen Fall handelt sich dabei allerdings um ein Pornomagazin, was pornografisch explizite Bilder und Situationen f\u00fcr s\u00e4mtliche Fortsetzungsgeschichten kategorisch ausschliesst. So schl\u00fcpfrig die Gags in Kojika auch sind \u2013 man sieht die Minderj\u00e4hrigen teils in Unterw\u00e4sche oder gar nackt, es wird der Busen begrabscht, usw. \u2013 und wie heikel manche Situationen erscheinen m\u00f6gen, der Manga geht nie weiter als das: Eine explizite Sexszene mit Minderj\u00e4hrigen oder anatomische Details des Intimbereichs ist in diesem Manga von vorherein ausgeschlossen. In einem Interview hat Watashiya Kaoru explizit darauf hingewiesen, dass sie mit Kojika zwar die Grenzen der Erlaubten in herk\u00f6mmlichen Magazinen testen will, sie jedoch darauf besteht, dass es sich dabei nicht um einen H-Manga handelt.<\/p>\n<p align=\"left\">Stellt sich die Frage, ob es denn \u00fcberhaupt angebracht ist, schl\u00fcpfrige Gags \u00fcber kleine M\u00e4dchen zu machen, ja sie zu Comedyzwecken gar halbnackt oder nackt zu zeichnen. Hier geht ein sehr weites Feld auf. Zuerst muss einem klar werden, dass es sich bei Kojika eben um einen Comic handelt, der mit der Realit\u00e4t spielt, nicht um die Realit\u00e4t selbst, und dass Nacktheit in Japan einen anderen Stellenwert hat als in unserer Kultur.<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Die Figuren in Kojika sind teils stark \u00fcberzeichnet, besonders die fr\u00fchreife Rin, die sich in Sachen Sex ziemlich abgekl\u00e4rt gibt, und die verw\u00f6hnte Kuro Kagami, die mit ihren Kleidern ein halbes Costume Play zelebriert. Auch wenn Kinder und junge Teenager in der heutigen Zeit bereits fr\u00fch \u00fcber sexuelle Details Bescheid wissen und sich aufgekl\u00e4rt geben, Figuren mit einem extremen Verhalten wie Rin oder Kuro existieren so in der Realit\u00e4t nicht. Sie entstammen aus der Reich der Fantasie und sind ein Zerrspiegel der (japanischen) Realit\u00e4t. Im Fall von Rin wird auf das Konzept des \u201eMasegaki\u201c zur\u00fcckgegriffen, dem frechen, fr\u00fchreifen Kind, und es wird \u00fcbertrieben dargestellt. Zudem entsprechen Figuren wie Rin, Mimi und Kuro gewissen Fan-Fetischen, wie sie die Leser des Magazins erwarten: Da w\u00e4re etwa Mimi, die scheue und unschuldige Meganekko (Brillentr\u00e4gerin), oder Kuro, die stets in piekfeinen Kleidern heruml\u00e4uft und wie ein fr\u00fchreifes Gothic-Lolita Girl aussieht. Dass der Manga in der ganzen Sh\u00f4jo-Kultur eingebettet ist, die seit den Achtzigerjahren in der japanischen Gesellschaft und Kulturindustrie gross aufgekommen ist, brauche ich wohl nicht speziell hinzuweisen. Nacktheit an sich ist in Japan durch die Bade- und Reinheitskultur wiederum l\u00e4ngst nicht so tabuisiert wie bei uns, wo sie automatisch mit Sex und S\u00fcnde in Verbindung gebracht wird.<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Punkt 2 erw\u00e4hne ich extra, da ich das Argument gelesen habe, dass es irrelevant sei, ob ein Mann oder eine Frau den Manga zeichnet, mit der Begr\u00fcndung \u201eFrauen k\u00f6nnen genau so schlimm sein wie M\u00e4nner\u201c. Und doch ist dieser Punkt wichtig: In Japan sind die Geschlechter weitaus getrennter als bei uns. In einem Umfeld, wo konservative Gesellschaftswerte f\u00fcr die Frauen traditionelle Lebensentw\u00fcrfe vorsehen wie <em>Ry\u00f4saikenbo<\/em> (gute Ehefrau- Weise Mutter), fliesst unweigerlich was in die Popkultur hinein, ob bewusst oder unbewusst. So auch bei Kojika. Und hier wird die Sache spannend:<\/p>\n<p align=\"left\">Kojika ist ein Manga, der als Kommerz-Manga einerseits konservative Gesellschaftswerte vermittelt, und andererseits sich ein st\u00fcckweit gegen diese auflehnt. Unter der Fassade eines simplen Comedy\/Drama-Manga brodelt st\u00e4ndig was, das sich Luft verschaffen will.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_rin.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">Laut Watashiya Kaoru geht es in Kojika prim\u00e4r um Liebe, und zwar um eine verbotene Liebe (kindan no ai): Eine zwischen einer minderj\u00e4hrigen Sch\u00fclerin und ihrem erwachsenen Lehrer. Was heisst jetzt Liebe im Kontext der japanischen Gesellschaft? Wie h\u00e4ngt diese mit Sex zusammen und wie zeigt sich beides in der Handlung des Manga?<\/p>\n<p align=\"left\">Liebe war in Japan bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein eng mit Sex verbunden. Es gab keine deutliche ideologische Zweiteilung zwischen der platonischen Liebe und der k\u00f6rperlich-geschlechtlichen wie im Westen. Das \u00e4nderte sich jedoch nach dem zweiten Weltkrieg: Unter der Besatzung Japans durch die USA 1945-52 wurde von japanischer Seite das Erziehungssystem reformiert. Eine der Reformen war <em>Junketsuky\u00f4iku<\/em> (????), die \u201eErziehung zur Reinheit\u201c.<\/p>\n<p align=\"left\"><em>Junketsuky\u00f4iku<\/em> war in erster Linie Erziehung in Sexualmoral. Die Idee war, den Sch\u00fclern ein gesundes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Sex anzuerziehen. So wurde etwa die gegenseitige sexuelle Anziehung zwischen Jungen und M\u00e4dchen als was Reines und Nat\u00fcrliches verkauft \u2013 so wie die unschuldige Liebe zwischen zwei Geschwistern. In Wirklichkeit ging es bei <em>Junketsuky\u00f4iku<\/em> jedoch um was ganz Anderes. Es ging 1.) um eine staatliche Kontrolle der Gesundheit 2.) eine Aufwertung der japanischen Gesellschaft, um damaligen westlichen Moral-Standarts zu gen\u00fcgen und 3.) um die Kontrolle \u00fcber die weibliche Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p align=\"left\">Das Ziel dahinter war zun\u00e4chst, junge Frauen von Prostituierten zu trennen. Aus diesem Grund wurde in der \u201eErziehung der Reinheit\u201c die Idee der platonischen, nicht-k\u00f6rperlichen Liebe propagiert, und deren repr\u00e4sentative Tr\u00e4gerinnen sollten Sch\u00fclerinnen sein. Bei <em>Junketsuky\u00f4iku<\/em> ging es in Tat und Wahrheit nur um die Erziehung der Sch\u00fclerinnen, nicht um die Jungen. Hinter der Erziehung der Reinheit steckte der Wunsch des Patriarchats, Frauen zu kontrollieren und sie zu dem zu formen, was man(n) sich w\u00fcnschte: <em>Ry\u00f4saikenb\u00f4<\/em> (gute Ehefrau- Weise Mutter). Es wurde den Sch\u00fclerinnen sexuelle Enthaltsamkeit gepredigt und eingeredet, wie wichtig ihr jungfr\u00e4ulicher K\u00f6rper f\u00fcr ihre zuk\u00fcnftige Rolle als gute Ehefrau und weise Mutter sei und worauf sie achten sollten, um ein gesundes Leben zu f\u00fchren. Der K\u00f6rper von Sch\u00fclerinnen wurde dadurch auf symbolische Art und Weise sch\u00fctzenswert und tabuisiert. Die Sch\u00fclerinnen und generell alle junge Frauen wurden zu Tr\u00e4gerinnen eines K\u00f6rpers, der nicht ihnen geh\u00f6rt, sondern dem Patriarchat (den V\u00e4tern und zuk\u00fcnftigen Ehem\u00e4nnern) als rechtm\u00e4ssige Besitzer.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch16_09.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Bereits nach wenigen Jahrzehnten war das neue Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Sex und Liebe von der Bev\u00f6lkerung stark verinnerlicht. Extreme Auswirkungen dieser Sexualmoral zeigten sich dann sp\u00e4ter in den Neunzigerjahren, als <em>Enjok\u00f4sai<\/em> (bezahlte Datings) von Sch\u00fclerinnen ein grosses Thema wurde, und das Interesse von erwachsenen M\u00e4nnern an jungen Frauen, also generell an der Sh\u00f4jo-Kultur, weiter wuchs.<\/p>\n<p align=\"left\">Enter Kojika:<\/p>\n<p align=\"left\">Wir erinnern uns: Ideologisch gesehen geh\u00f6rt der K\u00f6rper einer Sh\u00f4jo nicht ihr, sondern dem Patriarchat, und Liebe sollte idealerweise vom K\u00f6rper unabh\u00e4ngig und rein platonisch gesehen werden. Junge Frauen sollten sexuelle Enthaltsamkeit \u00fcben und auf ihren \u201eJungfrauenk\u00f6rper\u201c aufpassen. Was passiert in Kojika?<\/p>\n<p align=\"left\">Die 9-j\u00e4hrige Kokonoe Rin ist sich ihres tabuisierten K\u00f6rpers voll bewusst und setzt ihn konsequenterweise <strong>zu ihren eigenen Zwecken<\/strong> ein.<\/p>\n<p align=\"left\">Rin zeigt schon in den ersten Seiten des Mangas ein grosses Interesse an ihrem Lehrer Aoki. Es stellt sich fr\u00fch heraus, dass Aoki sexuell ziemlich unerfahren ist, was ihn zu einer perfekten Zielscheibe f\u00fcr Spott und Sp\u00e4sse der fr\u00fchreifen M\u00e4dchen macht: Rin provoziert Aoki, indem sie sich ihm als leicht zu vernaschende Lolita pr\u00e4sentiert, was ihn in Verlegenheit bringt, und die zickige Kuro beschimpft ihn vor der ganzen Klasse st\u00e4ndig als \u201eJungfrau\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch14_08.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass Rin sich in Aoki verliebt, und dass sie mit ihrem Erziehungsberechtigter Reiji &#8211; einem jungen Cousin ihrer verstorbenen Mutter &#8211; zu zweit lebt. Von da an ist unklar, wie es um Rins Erfahrungen mit Sex steht. Wie kommt es, dass sie sich sexuell so bewusst und aggressiv gegen\u00fcber ihrem Lehrer verh\u00e4lt? Wurde sie wom\u00f6glich von Reiji missbraucht? Der Manga l\u00e4sst diesen Punkt bisher offen. Klar ist, dass Reiji in Rin seine verstorbene Geliebte, Rins Mutter, sieht, und er w\u00fcnscht sich, sp\u00e4ter mit ihr wieder zusammen zu kommen. Eine sehr heikler Umstand, was Rin allm\u00e4hlich merkt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch28_12.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">Rin f\u00fchlt instinktiv, dass sie von Reiji besch\u00fctzt werden muss, und sie sieht daf\u00fcr ihren Lehrer und einseitige Liebe Aoki als m\u00f6glicher Retter. Neben all den Sticheleien, die Rin aus kindlicher Schadenfreude Aoki zuf\u00fcgt, sind ihre sexuellen Streiche auch ein Hilferuf. Sie versucht, st\u00e4ndig Aokis Aufmerksamkeit zu gewinnen, und gleichzeitig will sie, dass er sie als begehrenswerte Frau sieht, nicht als Kind.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch20_24.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">F\u00fcr beides setzt sie ihren K\u00f6rper ein: Um (k\u00f6rperliche) Liebe und Aufmerksamkeit zu gewinnen. Hinzu kommt noch, dass Rin ihren tabuisierten K\u00f6rper auch des \u00d6fteren zur Einsch\u00fcchterung einsetzt: Sie ist sich bewusst, dass Aoki wegen unz\u00fcchtigen Verhaltens seinen Job verlieren k\u00f6nnte, oder auch m\u00e4chtig viel \u00c4rger mit Reiji kriegen k\u00f6nnte. Deshalb bringt sie Aoki in Bedr\u00e4ngnis, sobald sie merkt, dass er sie nicht ernst nimmt oder sein romantisches Interesse einer anderen, erwachsenen Frau gilt. Rin macht ihren K\u00f6rper da aus Eifersucht zur Waffe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch21_08.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Wichtig an dieser Stelle ist festzuhalten, dass Rins Verhalten ganz und gar nicht dem entspricht, was man(n) idealerweise von einer <em>Sh\u00f4jo<\/em> erwartet. Rin \u00fcberschreitet mit ihrem Verhalten eine Grenze, was erz\u00e4hlerisch sowohl positiv wie negativ konnotiert ist. Positiv, weil sie der eigene Herr \u00fcber ihren K\u00f6rper ist und sich nicht darum schert, was das Patriarchat eigentlich gerne h\u00e4tte: Brave M\u00e4dchen. Negativ wiederum, weil diese Grenz\u00fcberschreitung eine zu starke Bedrohung f\u00fcr den eigentlichen Leser des Comics ist. Aus diesem Grund ist Rin extrem verniedlicht, und es wird in der Erz\u00e4hlung immer wieder angedeutet, wie wichtig es f\u00fcr sie und andere ist, sich auf andere verlassen zu k\u00f6nnen, was eine konservative Message ist.<\/p>\n<p align=\"left\"><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch28_22.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Sehr konservativ ist z.B. auch das Idealbild hinter Usa Mimi: In Kapitel 28 stellt sie ihren K\u00f6rper Rin zu Verf\u00fcgung, als diese krank im Bett liegt und sich w\u00fcnscht, an Mimis Br\u00fcsten saugen zu d\u00fcrfen (ein klarer Wunsch, wieder Kleinkind zu werden und eins mit der Mutter zu verschmelzen). Usa erf\u00fcllt ihr diesen Wunsch und nimmt dadurch auf symbolische Art und Weise eine f\u00fcrsorgende Rolle als Ersatzmutter ein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"wp-images\/kojika_ch28_16.jpg\" \/><\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\">Wie wir gesehen haben, ist das Thema Sex und Lolicon-Fantasien in Kodomo no Jikan nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick meinen k\u00f6nnte. Klar, der Comic richtet sich an m\u00e4nnliche Mangafans und bietet f\u00fcr diese viele Fetische, doch gleichzeitig versucht die Autorin, mit diesen Fetischen zu spielen, zu schocken und ein st\u00fcckweit sich gegen Idealvorstellungen des Patriarchats \u00fcber Frauen aufzulehnen. Ich finde, das gelingt ihr f\u00fcr einen Kommerzmanga dieser Art eigentlich recht gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Damen und Herren, haltet euch fest: Heute erz\u00e4hle ich euch was Deftiges \u00fcber Liebe, die Kontrolle \u00fcber den K\u00f6rper von Jungfrauen und Sex. 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