Rezension: Der Ausreisser (Azuma Hideo)

Bloged in Manga by Ataru Sunday February 15, 2009

In letzter Zeit habe ich keine Einträge mehr geschrieben. Schreibblockaden sind eine schlimme Sache. Wenn man bei einem Anime- und Manga-Blog schon rein für die Einleitungssätze sich den Kopf darüber zerbricht, ob man Irgendetwas Substanzielles zu berichten hat und immer häufiger zum Duden greift, dann stimmt etwas nicht. Wie oft habe ich jetzt schon einen Artikel zu schreiben begonnen, um ihn dann letztendlich im Draft-Ordner vermosern zu lassen? Zehnmal? Zwanzig Mal? Ich habs vergessen… Vielleicht sind meine Ansprüche zu hoch, vielleicht gehe ich falsch ans Schreiben ran.

Damit ihr keine falschen Schlüsse zieht: Im heutigen Eintrag geht es weniger um meine seelisch-psychische Verfassung – so viel aufgedrückte Emotionalität will ich keinem Leser aufbürden -, sondern um einen Manga-Zeichner, der in seinem Leben schon des Öfteren mit Schreibblockaden gekämpft hat: Azuma Hideo.

Azuma Hideo, Jahrgang 1950, ist ein Mangazeichner, um den in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Japan ein regelrechter Kult entstanden ist. Seine Spezialität sind kurze, groteske Gag-Geschichten, die mit allerlei skurilen Einfällen und Selbstironie durchsetzt sind. Sein Zeichenstil ist stark vom Funny-Stil von Osamu Tezuka und Shôtaro Ishinomori geprägt. Azuma hat ein Faible für Science Fiction und Fantasy-Geschichten, die in Nonsens münden. Und Azuma zeichnet gerne niedliche Lolitas. Er gilt als der eigentliche Begründer der Rorikon (Lolita Complex)-Manga-Welle, die in den Achtzigerjahren ihren Anfang genommen nahm und bis heute sowohl bei Mangas als auch bei Animes spürbar ist. Etwas spitz formuliert: Ohne Azuma Hideo kein Lolicon und kein Moe – jedenfalls nicht in der heutigen Form.

Vor ein paar Jahren schrieb ich einige Worte über Azuma Hideo im Rahmen meiner Rezension zu seinem Manga Nanako S.O.S. Damals war ich noch im “Azuma”-Fieber und sammelte alles, was ich von diesem Autor ergattern konnte (siehe Foto weiter unten). Dabei fiel mir auf, dass viele seiner Kurzgeschichten bis in die Mitte der Achtzigerjahre publiziert wurden und einige seiner neueren Bände wiederum aus der Mitte der Neunzigerjahre stammten. Ich fand es etwas eigenartig, dass in seiner Bibliographie eine Lücke von fast einem Jahrzehnt klaffte und nahm an, dass er halt einfach untergetaucht war. Bei diesem Gedanken liess es bleiben. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass Azuma Hideo zu jenem Zeitpunkt tatsächlich sprichwörtlich untergetaucht war: Er schmiss Ende 1989 all seine laufenden Aufträge hin und suchte das Weite.

Von diesem Vorfall und einigen weiteren erzählt der einzige Manga von Azuma Hideo, der auf Deutsch erschienen ist: Der Ausreisser (Verlag Schreiber und Leser, 2007).

“Der Ausreisser”, im Original shissō nikki (失踪日記), Tagebuch eines Verschollenen – ist ein mehrfach preisgekrönter autobiographischer Comic, den Azuma Hideo 2005 herausgebracht hat. Darin erzählt er selbstironisch von seiner Auszeit als Manga-Zeichner, als er als Penner tagtäglich vor sich hinlungerte. Azuma ertrug den Druck nicht, dem er als Zeichner permanent ausgesetzt war. Er schmiss gleich zweimal alles hin und tauchte für mehrere Monate unter, wo er als Obdachloser auf der Strasse lebte. 1992 arbeitete er eine Weile auf den Bau und liess sich dabei zum Gasinstallateur ausbilden. Azuma wurde beide Male von der Polizei wieder aufgegriffen; seine Familie hatte ihn als vermisst gemeldet.

“Der Ausreisser” besteht aus vier Kapiteln, die von seinem Leben als Versager und Obdachloser erzählen, von seinen Schwierigkeiten während seiner zwanzigjährigen Karriere als Mangazeichner bis 1989, von seiner Arbeit als Gasinstallateur und schliesslich von seiner schleichenden Alkoholsucht, die ihn Ende 1998 zum Besuch einer Trinkerheilanstalt zwang. Azuma erzählt minutiös, wie er im Park unter einer löchrigen Decke pennt, im Müll nach brauchbaren Essensresten wühlt, von der Strasse Kippen aufliest und billiger Fusel zusammenmixt. Azuma erzählt, mit was für Menschen er es als Gasinstallateur und als Alkoholsüchtiger in der Rehabilitation zu tun hat. Und er erzählt von seinem Werdegang als Mangazeichner, wo er 1969 mit 19 zunächst unbekümmert anfängt, bald aber von der harten Realität des Berufs eingeholt wird. Seine Anekdoten lassen erahnen, wie schwer es sein muss, ständig neue Geschichten und Gags zu erfinden, um am Ball zu bleiben. Und noch etwas kommt bei seiner Comic-Beichte zum Vorschein: Azuma Hideo zeichnete eine Weile lang sehr, sehr viel – er lieferte 130 Seiten pro Monat ab. Er konnte es sich nicht leisten, nein zu sagen und nahm auch Aufträge an, die ihn im Grunde genommen gar nicht interessierten.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wieso Azuma 1989 dem Druck nicht mehr standhielt und das Weite suchte. “Der Ausreisser” ist jedoch keine objektive Aufarbeitung seines schweren Lebens, sondern eine weitgehend in der subjektiven Ich-Form gehaltene Lebensbeichte. Was zum Beispiel Azumas Familie während der Zeit, als er auf der Strasse lebte, durchgemacht hat, wird radikal ausgeklammert. An einer Stelle heisst es dazu lapidar “Sie [die Polizei] nahmen meine Fingerabdrücke und belehrten mich. Meine Frau holte mich ab, und ich ging nach Haus. Das war nicht wirklich lustig, deshalb mache ich’s hier kurz.”

Insgesamt reiht sich Azumas autobiographischer Comic in die Tradition des Shishōsetsu ein, des japanischen Ich-Romans, bei dem das Schreiben eine Art Selbstentblössungsritual für die Autoren ist. Wir Leser erleben hautnah, was Azuma damals so alles erlebt hat, und weil er lange Zeit fort von Zuhause war, kriegen wir auch keinen tieferen Einblick ins Leben seiner Familie.
Es gibt aber einen wichtigen Unterschied zum Shishōsetsu: Anders als beim klassisch japanischen Ich-Roman drängt Azuma Hideo seinen Lesern keinen im Selbstmitleid getränkten Ton auf. Seine selbstironischen Anekdoten, im Stil seiner klassischen Gag-Comics gezeichnet, sind einfach zu lesen, und das macht aus seinem Manga, trotz aller inhaltlicher Härte* ein erstaunlich frischer Comic. Der Kauf lohnt sich allemal.

* (Er schneidet unter anderem einen missglückten Selbstmordversuch an und seine schleichende Alkoholsucht bis zu seiner Einlieferung in die Reha ist eigentlich alles andere als lustig)

5 responses to “Rezension: Der Ausreisser (Azuma Hideo)”

  1. avatar seto says:

    sehr lolicon sehen diese cover unten aber nicht aus. viel zu viel oberweite! ;)
    moe sind sie natürlich trotzem, aber was heisst das schon.
    vielleicht bin ich einfach zu verblendet von der art lolicon die einem heute ständig vorgesetzt wird?

  2. avatar Sasa says:

    Ah, wie interessant! Also ich hätte ja fast noch mehr Interesse an seinen “richtigen” Werken, v.a. auch um zu sehen, wie er sich im Laufe der Jahre entwickelt hat.

  3. avatar Berurin says:

    Hatte den Manga damals gleich gekauft als er rauskam (mache ich eig. mit fast alles die bei Shodoku rauskommen, die Manga sind einfach klasse) und fand ihn einfach sehr gut. Wunderbar beschrieben ;)

  4. avatar Ataru says:

    @Sasa

    Sein Zeichenstil hat sich seit Mitte der Achtzigerjahre nicht mehr gross weiterentwickelt. Er ist seinem klassischen, rundlichen Stil treu geblieben. Ich habe bei meiner Sammlung z.B. Mühe, einen Unterschied zwischen Mangas von 1984-86 und solchen von 1994-96 zu erkennen. Am ehesten erkenne ich den Unterschied noch an den Kleidern (gestreifte Schulröcke und Loose-Socks sind definitiv Neunzigerjahre-Mode).

    In seltenen Fällen zeichnet Azuma seine Figuren einen Tick erwachsener, meist bei seinen eher grotesken Horror/PrOn-Kurzgeschichten, oder er zeichnet sie etwas näher am Stil europäischer Cartoons und zeichnet dabei seine Hintergründe detailierter als sonst (vergleicht z.B. den Stil im Bild mit dem Tempura-Öl mit dem der restlichen Bildern).

    @Seto

    Bis Ende der Siebzigerjahre waren PrOn-Mangas im realistischen Gekiga-Stil gezeichnet. Es gab damals zwar schon Manga im klassisch-rundlichen Stil, die mit erotischen Gags und Anspielungen nicht geizten (man denke da z.B. an Go Nagais Cutey Honey oder Osamu Tezukas “Yakeppachi no Maria”), aber es gab keine PrOn-Geschichten in diesem Zeichenstil. Azuma hingegen (und später andere wie Uchida Aki) begann Ende der Siebziger pornographische Sachen mit Cartoon-Mädels in einem harmlosen, niedlichen Zeichenstil zu zeichnen, wie man ihn aus Shounen-Zeitschriften her kannte und der meilenweit vom realistischen Zeichenstil der Gekiga-Schule entfernt war.

    @Berurin

    Danke danke ^^

  5. avatar Yuki says:

    Guter Beitrag und vorallem: Ich kannte den Typen noch nicht. Inspirierender Lebenslauf. Werd mir mal was besorgen von dem :D…

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