Im Namen der Hölle (Judge OVA)

Bloged in Anime by Ataru Thursday August 2, 2007

Vor ein paar Tagen habe ich von einem Kumpel einen etwas ältereren Anime preisgünstig abgekauft. Es handelt sich um Judge (Yami no Shihôkan Judge, 闇の司法官ジャッジ), ein Original Animation Video aus dem Jahre 1991. Der Anime ist älteren Animefans nicht völlig unbekannt: Judge war einer der ersten Anime, die in England unter dem Label “Manga Video” und in Amerika bei Central Park Media auf VHS-Kassette erschienen waren, mit einer völlig vergurkten englischen Synchro. Das war in den frühen Neunzigerjahren, und damals hatte ich mir die Kassette von Manga Video zugelegt. Ich fand den Anime gruselig und zugleich spassig, ja, er gefiel mir damals. Und heute, 14 Jahre später, hat sich daran nicht viel geändert.

Judge ist ein kurzer übernatürlicher Horror-Anime, der an Trash grenzt. Die Handlung dreht sich um einen farblosen Salaryman namens Hôichirô Sôma, der ein beschauliches Leben führt und mit der Angestellten Nanase ein Verhältnis hat. Doch Sôma ist alles andere als harmlos. In Tat und Wahrheit ist er ein Richter von der Unterwelt und bestraft böse Buben, die sonst im wirklichen Leben von der Justiz verschont werden. Sôma trägt als “Richter der Dunkelheit” ein Buch mit sich herum, das aus Menschenhaut angefertigt wurde, und sein Sidekick ist ein Papagei mit roten Augen (wie süss).

In der kurzen 50 minütigen Handlung übt er gleich in zwei Fällen Selbstjustiz: Im ersten Fall betrifft das den machtgierigen Angestellten Murakami, der ein von ihm verursachten Finanzskandal auf eine Arbeitskollegin abschiebt, mit der ein Verhältnis hatte, und der dann für ihren Selbstmord verantwortlich ist. Sôma verwickelt sich als einfacher Angestellter insofern darin, dass er eine Murakami von der Angestellten eine Nachricht überbringt, und dafür von diesem zusammengeschlagen wird. Sôma spürt Murakami dann als Richter der Dunkelheit auf, jagt ihn einen Nagel durch die Zunge und bringt ihn dann dazu, verwirrt von einer Klippe zu springen.


Im zweiten Fall kümmert sich Sôma um den Chef seiner Firma, der den Tod seines besten Freundes auf den Gewissen hat. Die Rechtsaussprechung erweist sich im zweiten Fall als schwierig, da ein Rivale von Sôma auftaucht, der als Anwalt der verurteilten Menschen arbeitet und ebenso bewandert ist in der Schwarzen Magie ist wie Sôma selber.

Die Handlung von Judge ist eigentlich recht simpel und lässt wenig Spielraum für Interpretationen offen. Wenn ich in japanischen Mythen, Horrorgeschichten und buddhistischen Figuren bewanderter wäre, würde ich hinter der Handlung bestimmt noch einige Sachen mehr erkennen, die mir bislang entgangen sind. Am Ende des zweiten Falls tauchen z.B. Sôma, der Anwalt und der angeklagte Chef vor einem Tribunal bestehend aus einigen buddhistischen Gottheiten – wäre hilfreich zu wissen, um welche Gottheiten es sich da genau handelt.

Die Animation ist für OAV-Verhältnisse der damaligen Zeit ganz in Ordnung, ohne jedoch in die Annalen einzugehen. Die Character Designs sind für ihre Zeit (1991) eher modern ausgefallen: Schlanke Figuren mit (über)langen Armen und Beinen – egal ob Mann oder Frau – was ein wenig an ein Bishounen-Stil erinnert. Dieser Stil zusammen mit einer dynamischen Animation wird dann später von vielen Animes der Neunzigerjahre übernommen (ein gutes Beispiel hierfür wäre die Animeumsetzung von Tokyo Babylon). Ein kleiner Horror schleicht sich übrigens in das Character Designs des Firmenchefs ein: Er hat übergrosse, beinahe herausfallende Augen, dass man bei seinem Anblick unweigerlich an einer Gottesanbeterin denken muss.

Positiv ist mir die Musik von Toshiro Imaizumi aufgefallen. Mit einfachen Synthesizerklängen schafft er in den ersten Minuten eine bedrohliche Amtosphäre, die das Geschehen gut unterstützt (ein angeschossener Mann im Urwald auf der Flucht vor seinem Killer). Schaue ich bei Animenewsnetwork unter den Credits nach, scheint dieser Mann ausser den Fûma no Kôjiro-OAVs sonst für kein Anime mehr Musik komponiert zu haben.

Eine Überraschung war für mich jedoch festzustellen, dass hinter Judge ein Manga von Fujihiko Hosono steckt. Hosono kenne ich in erster Linie als Mangazeichner des verrückten 80er jahre Gagmanga Sasuga no Sarutobi, der 1982-84 auch ein TV-Anime war, und als Zeichner von Seinen-Manga. Yami no Shihôkan Judge war ein kurzer Seinen-Manga, der unter der Reihe Futaba Action Comics erschien und heute vergriffen ist. Ich wusste, dass Hosono auch Manga für (männliche) Erwachsene zeichnet, dachte aber nicht, dass er auch eine Horrorgeschichte veröffentlicht hat. Wobei, wenn ich es mir überlege, passt das wiederum in sein Repertoire, weil Judge neben übernatürlichen Horror doch auch im Salaryman/OL-Milieu spielt mit all deren Klischees (korrupter Chef, fiese Angestellte, Verhältnis zwischen Salarymen und Office Ladies, usw.)

Judge ist heute noch erhältlich als zweisprachige Code 1-DVD bei CPM (Central Park Media). In Japan ist der Anime nie auf DVD erschienen. Auf ebay Japan findet man ab und zu noch die japanische VHS Kassette im Angebot. Bei einer kurzen Recherche habe ich herausgefunden, dass gerade in Japan die amerikanische DVD gesucht ist.

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